MOZ Magazin - Magazin - Seite 15
„Und jetzt!?“– eigentlich ist das eine wunderbare Frage.
Sie kann nach einem Neuanfang klingen, nach Neugier,
nach Möglichkeiten, nach dem Schulabschluss, nach
einem Konzert, nach einer bestandenen Prüfung. Oder
nach dem ersten Schritt in etwas völlig Unbekanntes.
Manchmal allerdings klingt sie ganz anders. Dann
kommt sie nicht voller Vorfreude daher, sondern mit
Herzklopfen. Dann übernimmt die Hilflosigkeit das
Kommando über das Kopfkino. Ich jedenfalls war schon
immer ziemlich gut darin, mich in solchen Situationen
in eine gewisse Panik hineinzusteigern.
Zum Beispiel mit 17. Ich kam von einem Meisterkurs in
Italien zurück und saß in einem Zug, der mittlerweile
drei Stunden Verspätung hatte. Mit jeder Minute wuchs
die Sorge, meinen Anschluss in Mailand zu verpassen.
Den Schaffner hatte ich bereits um Hilfe gebeten. Als
er in Genua ausstieg, verabschiedete er sich allerdings
nur mit einem breiten Grinsen und dem süffisantesten
„Ciao“, das ich bis heute gehört habe.
Meine Omi Matti hatte auf fast alles eine Antwort. Oder
genauer: zwei Wörter. Wenn etwas schiefging, wenn
etwas anders kam als geplant oder wenn es einfach
nichts mehr zu diskutieren gab, sagte sie nur: „Naja,
nun.“ Punkt. Das war ihr Schlusssatz. Das Problem war
damit nicht gelöst, aber irgendwie war das Leben wieder
in Gang gesetzt.
Ich hingegen bin Team „Und jetzt!?“. Ich möchte verstehen, planen, lösen. Ich google. Ich zerdenke. Ich drehe
und wende Situationen von allen Seiten. Und manchmal
begegne ich dieser Frage mit einem etwas zu ausgeprägten Aktionismus.
Mit 17 sah der so aus, dass ich den nächsten Schaffner,
der einstieg, so inständig anflehte, doch bitte den deutschen Anschlusszug in Mailand zu informieren, dass er
auf mich warten möge, bis er schließlich versprach, sich
darum zu kümmern. Jedes Mal, wenn er anschließend
wieder an mir vorbeikam, erinnerte ich ihn daran. Nicht,
dass er es seinem Vorgänger gleichtun und ebenfalls einfach aussteigen würde …
Heute, in meinen Dreißigern, würde ich wahrscheinlich eher denken wie meine Omi: „Naja, nun.“ Dann
bliebe ich eben eine Nacht in Mailand. Mit 17 allerdings
erschien mir diese Möglichkeit ziemlich bedrohlich. Es
war schließlich meine erste so weite Zugreise allein.
Mein Aktionismus hatte tatsächlich Erfolg. Kurz vor
Mailand kam der italienische Schaffner noch einmal
zu mir und erklärte, der Anschlusszug würde warten.
Ich war so erleichtert, dass ich ihm vor Dankbarkeit um
den Hals fiel. Ein Verhalten, das so gar nicht zu meinem
sonst eher zurückhaltenden Wesen passt – aber vermutlich ganz gut zeigt, wie sehr mich dieses „Und jetzt!?“ in
den vergangenen drei Stunden beschäftigt hatte.
Nicht immer lösen sich „Und jetzt!?“-Situationen so
auf wie damals. Im Rückblick sehe ich diese Geschichte
ohnehin wie eine Szene aus einer italienischen
Fernsehwerbung vor mir: Luciano Pavarotti singt La
donna è mobile, alle lächeln, und am Ende wartet im
Anschlusszug natürlich noch eine Pizza auf mich. So
ungefähr jedenfalls.
Doch das Leben spielt nicht immer Operette. Es gibt
Fragen, auf die es keine schnelle Antwort gibt, und
Momente, in denen sich kein Schaffner findet, der den
Anschluss festhält.
Dabei merke ich heute: Das eigentliche Problem war
damals gar nicht, dass ich gehandelt habe. Im Gegenteil –
den Schaffner anzusprechen war wahrscheinlich genau
das Richtige. Das Problem war, dass ich mich vorher
drei Stunden lang von meinem eigenen Kopfkino hatte
auffressen lassen. Zwischen einem „Und jetzt!?“, das fragt
„Was kommt als nächstes?“ und einem „Und jetzt!?“,
das meint „Was wird bloß aus mir?“ liegen manchmal
Welten.
Vielleicht passen „Und jetzt!?“ und „Naja, nun.“ daher
sogar ziemlich gut zusammen. Das eine fragt nach dem
nächsten Schritt, das andere erinnert daran, nicht alles
kontrollieren zu müssen. Das eine bringt uns in Bewegung, das andere schenkt uns Gelassenheit.
Heute höre ich mich manchmal selbst fragen: „Und
jetzt!?“ Und irgendwo in meinem Hinterkopf sitzt meine
Omi, hält in aller Ruhe ein Glas Rotwein in der Hand
und sagt trocken: „Naja, nun.“
Ehrlich gesagt: Zusammen sind sie ein ziemlich gutes
Team.
MOZ - MONTFORTER ZWISCHENTÖNE MAGAZIN - N.02 - HERBST 2026
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