MOZ Magazin - Magazin - Seite 24
KÜNSTLER:INNEN IM SPOTLIGHT
„Beerdigen wir die
Gegenwart, wird
sie wieder sichtbar“
EIN INTERVIEW VON SILJA VINZENS
Was passiert, wenn wir den Moment verlieren, in dem
wir eigentlich leben? Im Gespräch über Zeit, Krisen,
Digitalisierung und den Sinn des Augenblicks erklärt der
Philosoph Jan Sö昀昀ner, diesjähriger Begräbnis-Redner,
warum die Gegenwart mehr ist als ein Zeitpunkt – und
weshalb wir sie vielleicht erst wahrnehmen, wenn wir sie
für tot erklären.
Warum verdient ausgerechnet die Gegenwart ein Begräbnis?
Die Gegenwart, und nur sie, ist wo wir am Leben sind. Der Kirchenvater Augustinus
meinte, dass sie sogar die einzige Zeitform sei, da es auch die Vergangenheit und die Zukunft immer nur in der Gegenwart gebe (Bekenntnisse, Buch 11, § 20), was sich sehr gut
mit der Idee eines allgegenwärtigen Gottes verbinden lässt, in dem auch alle Zeit eins,
dem also alle Vergangenheit und alle Zukunft gegenwärtig ist. Ich selbst sehe das aber
etwas anders: Sowohl die Evolutionsforschung als auch die KI, die unser Denken und
Handeln qua Voraussage simuliert, sagen, dass unsere Gegenwart immer gerichtet ist,
also auf das, was als Nächstes passiert.
Dieses Gerichtet-Sein speist sich aber aus unseren Erfahrungen und Erlebnissen und
unserer Gewöhnung, die alle vergangen sind. Wie sehr uns die Vergangenheit gegenwärtig ist und unsere Gegenwart bestimmt, spürt man, wenn man merkt, wie schwer es
ist, sich zu ändern oder wie sehr einem verstorbene Menschen fehlen. Ich würde daher
umgekehrt sagen, dass es die Gegenwart immer nur in der Zukunft und der Vergangenheit gibt. Die Gegenwart ist eine bewegte Gerichtetheit – und diese Gerichtetheit ist, was
uns lebendig macht und unserem Leben Sinn gibt. Sinn ist etymologisch ein Wandern,
eine Richtung, wie der Uhrzeiger-Sinn nahelegt, und eine Stimmung, die unser Leben
orientiert – wie der Froh-Sinn; der Sinn ist sinn-lich und all dies hat mit einer Gerichteten Gegenwart zu tun. Nur solche Gedanken, die auf diese Weise gegenwärtig werden
können, ergeben auch Sinn. Tun sie das nicht, sind sie bestenfalls „korrekt.“
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MOZ - MONTFORTER ZWISCHENTÖNE MAGAZIN - N.02 - HERBST 2026