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IN T E R V IE W MI T J A N SÖF F NE R
Ist die Gegenwart also ein Zeitpunkt, ein Gefühl und eine Haltung?
Ja, sie ist all dies zusammen. Das sieht man auch und gerade an solchen Momenten, in
denen das Leben sinnlos zu werden scheint. Die Gerichtetheit, von der ich gesprochen
habe, teilen wir mit sehr vielen Tieren. Aber ich glaube, wir sind die einzige Spezies,
deren Leben sinnlos werden kann. Wenn etwas sinnlos wird, spürt man, wie ungegenwärtig alles wird. Man fühlt sich auf Distanz, hat keine Richtung, findet keine Orientierung in der Vergangenheit. Alles wird wertlos, weil es seine Gegenwart verliert. Das
zu ermöglichen, ist der Trick des Nihilismus: Er schafft
die Gegenwart ab – und schon ergibt nichts mehr Sinn.
Der Nihilismus ist uns gerade in unserer Zeit alles andere
als unbekannt. Da „unsere Zeit“, da das „Zeitgenössische“
selbst eine weitere Bedeutung des Wortes „Gegenwart“ ist,
kann man also auch sagen: Unsere Gegenwart zeichnet
sich dadurch aus, dass sie keine Gegenwart hat.
„Ich glaube, wir
sind die einzige
Spezies, deren
Leben sinnlos
Ist die Gegenwart denn wirklich tot – oder haben wir nur
werden kann.“ verlernt, sie wahrzunehmen?
Das ist eine sehr gute Frage. Mein Freund Hans Ulrich
„Sepp“ Gumbrecht hat ein wichtiges Buch über sie geschrieben. Gegenwart ist für ihn
eine Zeit-Form, die in verschiedenen Epochen unterschiedliche Konstellationen annehmen kann. Sepp meint, dass sich die Zeit-Form in der Moderne auf den Zeit-Punkt reduziert hat, was dazu führte, eine Zeitachse anzunehmen, in der die Zukunft berechenbar
und formbar wurde: Man nennt das auch den Fortschritt. Er beschreibt aber auch den
rezenteren Zusammenbruch dieser Zeitform: Die Zukunft erscheint seit geraumer Zeit
unberechenbar und bedrohlich auf uns zuzukommen, während die Vergangenheit in
Archiven, Museen, Gedenktagen usw. so gegenwärtig gehalten wird, dass man ihr gar
nicht mehr entkommt. In einer solchen Zeit verlernt man es, die Gegenwart als einen
Zeitpunkt zu erleben – sie wird „breit“, wie er sagt.
MOZ - MONTFORTER ZWISCHENTÖNE MAGAZIN - N.02 - HERBST 2026
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