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KÜNSTLER:INNEN IM SPOTLIGHT
„ Gegenwart
ist erst einmal
eine Frage der
Lebensalter.“
AUCH ZUR JUBILÄUMSAUSGABE IM JAHR 2024
VERWANDELTE SICH
DAS ALTE HALLENBAD
FÜR DAS BEGRÄBNIS IN
EINE ART KATHEDRALE
MIT GROSSEM KREUZ.
Leben wir also heute mehr in Erinnerungen und Zukunftsplänen als im eigentlichen Moment?
Sepp sieht das teilweise so, aber auch etwas anders, denn
er erkennt auch, dass in der Zeit einer bedrohlichen
Zukunft, die man aufschieben muss, die körperliche
Gegenwart, die sinnliche Gegenwart – er nennt das die
Präsenz – zu einem besonderen Wert wird.
Ich glaube aber, dass wir uns inzwischen noch einmal
verändert haben, und zwar, indem wir diese Präsenz so
sehr übersteigert haben, dass sie keine mehr ist. Anna
Kornbluh hat ein sehr schönes Buch über den Kult der
Unmittelbarkeit („Immediacy“) geschrieben, in dem
sie, um es kurz zusammenzufassen, das unmittelbare
Feedback und die Feier der Intensität des Augenblicks
und der ungefilterten Authentizität kritisiert. Wenn
es, wie ich gesagt habe, Gegenwart nur in der Zukunft
und in der Vergangenheit gibt, führt ausgerechnet die
Übersteigerung der Präsenz in den Zusammenbruch
der Gegenwart: Gegenwart braucht paradoxer Weise
auch die Erfahrung der Absenz und der Transzendenz.
Sehr schön hat Giacomo Leopardi das in seinem Gedicht
„L’infinito“ (Das Unendliche) auf den Punkt gebracht:
Eine Hecke versperrt ihm den Blick auf die Adria und
den Horizont, und gerade diese Abwesenheit führt dazu,
dass ihm die Ewigkeit gegenwärtig wird. Ohne Hecke,
keine Gegenwart.
Hat sich denn dein eigenes Verhältnis zur Gegenwart in
den vergangenen Jahren verändert?
Sicherlich. Gegenwart ist erst einmal eine Frage der Lebensalter. Und langsam komme ich in das Alter, in dem
die zukünftige Gegenwart spürbar abnimmt und die
vergangene Gegenwart spürbar zunimmt. Aber ich fühle
mich auch dem ausgesetzt, was Kornbluh beschreibt
– und zwar gerade als entzogene Gegenwart. Je mehr
unser Leben seiner eigenen Automatisierung begegnet,
desto mehr ist man der Frage ausgesetzt, wer oder was
denn eigentlich noch gegenwärtig ist. Wenn man, zum
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Beispiel, mit einem Chatbot kommuniziert, weiß man,
dass da keine Person gegenwärtig ist, und gleichzeitig
weiß man, dass dem Bot keine Welt gegenwärtig ist,
sondern nur die Daten, die unser Weltverhältnis voraussagbar und simulierbar machen. Die Simulation eines
Weltverhältnisses ist aber keine gegenwärtige Welt. Und
dieser Ungegenwart setzen wir uns zunehmend aus und
setzen sie sogar an die Stelle der Gegenwart.
Haben Digitalisierung, soziale Medien und permanente
Erreichbarkeit also unser Verhältnis zur Gegenwart so
sehr verändert, dass es keine mehr gibt?
Das ist eine schwierige Frage, auf die es zwei Antworten
gibt. Eine, die zu einfach ist, und eine andere, die alles
zu kompliziert macht. Die zu einfache ist diejenige, dass
man sagen würde, was auf dem Bildschirm erscheint,
sei ja bloß virtuell und nicht echt. Es ist aber in unsere
Existenz eingegangen, bestimmt sie mit, und ist insofern
durchaus echt. Die schwierigere Antwort ist diejenige,
die sich genau fragt, was jeweils gegenwärtig gemacht
wird und wie.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: 1974 ging eine gute
Bekannte von mir spazieren. Auf einmal hörte sie ein
Röhren aus zehntausend Kehlen und erschrak fürchterlich, weil da gar keine Menschenansammlung war.
Nur die Häuser. Es war der Tag des WM-Finales, es war
ein Tor gefallen, und alle Leute saßen vor dem Fernseher. Inzwischen muss man sich beim WM-Gucken
den schnellsten Stream suchen, um nicht schon das
Ergebnis zu wissen, während sich ein Spielzug gerade
erst formiert – denn sonst brüllt irgendwer (oder gerade
nicht) und der Spielzug hat seine Spannung, seine Gerichtetheit, seine Gegenwart und damit auch seinen
Sinn schon verloren, während man ihn sieht. Hier ist
die Gegenwart zerstückelt worden. Und das, glaube ich,
ist mit den auf Nutzervorlieben zugeschnittenen Tools
auch in anderer Hinsicht passiert. Man macht nicht nur
dieselben Erfahrungen ungleichzeitig, man macht auch
MOZ - MONTFORTER ZWISCHENTÖNE MAGAZIN - N.02 - HERBST 2026