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INTERVIEW MIT JAN SÖFFNER
2023 WURDE BEI DEN
MOZ UNTER DEM DAMALIGEN MOTTO „WAS
TRÄGT?“ DER ANSTAND
BEGRABEN. DAS DESIGN
DES RAUMES VERGIBT
DAS FESTIVAL JEDES
JAHR NEU AN SPANNENDE ARCHITEKT:INNEN
UND KÜNSTLER:INNEN.
ganz unterschiedliche Erfahrungen und lebt dadurch in
unterschiedlichen Gegenwarten.
Haben wir als Gesellschaft Angst vor der Gegenwart?
Ich kann schlecht für die Gesellschaft sprechen. Aber
man kann durchaus Angst vor der Gegenwart haben. Sie
ist sperrig und riskant und erfordert eine Ehrlichkeit,
die manchmal übermenschlich erscheinen kann. Das ist
die Kehrseite des Sinns.
Ist unsere Sehnsucht nach Optimierung vielleicht der
größte Feind der Gegenwart?
Die Optimierung spielt auf jeden Fall auch eine große
Rolle. Ich sehe sie in einem größeren Zusammenhang:
Wir sind einer Technologie ausgesetzt, die ideologisch
nicht neutral ist. Schon deshalb nicht, weil sie eine Technologie ist, die auf Bereiche des Lebens übergreift, die
bislang weniger technologisch waren und daher weniger
einer Logik der Ingenieur:innen folgten. Für Ingenieur:innen erscheint die Welt als die Summe der Probleme, die auf eine technische Lösung warten. Sie wollen
sie lösen und unter digitalen Bedingungen in einen
Datenfluss auflösen. Eine Logik der Lösung und Optimierung ist aber unfähig, mit Krisen umzugehen. Das
sieht man schon auf einer größeren Ebene, denn unsere Zeit ist ja nicht eine
solche, in der auf einmal
alle Probleme gelöst wären, sondern im Gegenteil eine solche, die uns
mit Krisen überhäuft.
Man sieht das auch auf
privater Ebene: Auch immer mehr Lebenskrisen
werden einer Ideologie
der Lösungsorientiertheit überantwortet. Die
Epidemien der Depres-
„Krisen – im
Großen wie im
Kleinen – folgen
einer ganz
anderen Logik
als lösbare
Probleme.“
sion, Einsamkeit und des Nihilismus zeigen aber ja recht
deutlich, dass das nicht funktioniert.
Krisen – im Großen wie im Kleinen – folgen einer ganz
anderen Logik als lösbare Probleme: Krisen stellen
Ordnungen infrage, und zwar auch gerade diejenigen
Ordnungen, die versuchen, sie als bloße Probleme zu
rahmen. Krisen fordern eine tiefgreifende Transformation ein, sie machen einen Unterschied. Das griechische
Wort Krisis bedeutet etymologisch Unterscheidung und
auch Entscheidung. Und der Historiker Reinhart Koselleck definierte sie deshalb als transformative Momente,
in denen „eine Entscheidung fällig ist, aber noch nicht
gefallen“. Es bleibt dabei offen, wer diese Entscheidung
fällt, oder ob sie gar von alleine, aus der situativen Dynamik heraus fällt – und auch wie sie fällt ist offen. Diese
Offenheit macht Krisen zum besten Beispiel dessen, was
man Gegenwart nennen kann: In ihrer Offenheit stehen
sie zwischen einer Vergangenheit, die nicht mehr funktioniert und einer Zukunft, die noch nicht eingetreten
ist, auf die hin sie aber ausgerichtet sind. Versuchen wir,
Krisen als Probleme zu verstehen und zu lösen, verliert
sich diese Gegenwart.
Man kann das an einer wunderbaren Fabel festmachen,
die David Foster Wallace auf einer Graduierungsrede
erzählt hat: Zwei junge Fische treffen einen alten, der
sie fragt „Wie ist das Wasser heute?“ Als er weitergeschwommen ist, fragt der eine junge Fisch den anderen:
„Was zum Teufel ist Wasser?“ Würden sie in einer
Umweltkrise leben, würden sie gar nicht anders können
als das Wasser zu kennen. Es sei denn, man redet ihnen
ein, Gestank sei ein lösbares Problem. Dann würden sie
das Wasser – ihre Gegenwart – weiterhin nicht sehen.
Eine Totenrede ist ja eigentlich vor allem eine Würdigung. Was wird uns an der Gegenwart vielleicht erst
bewusst, wenn wir so tun, als wäre sie gestorben?
Vielleicht genau das: Wenn wir sagen, das Wasser sei
gestorben, wird man nicht umhin können, es zu sehen.
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