MOZ Magazin - Magazin - Seite 28
KÜNSTLER:INNEN IM SPOTLIGHT
Beerdigen wir die Gegenwart, vergegenwärtigen wir sie
als Vergangenheit. Die Gegenwart ist nicht einfach da,
man muss sie als eine wahrnehmbare Form aus unserem
Leben auftauchen lassen. Um beim Wasser zu bleiben
und unsere Perspektive von der Erde aus auf es einzunehmen, können wir die Gegenwart wie eine Welle
denken. Eine Welle besteht aus bloßer Wasserbewegung,
aber die Form, die wir sehen, ist mehr als das. Es ist eine
auftauchende bewegliche Form, die wieder verschwindet, während das Wasser und seine Bewegung bleiben.
Die Metapher habe ich vom Zen-Meister Thich Nhat
Hanh geklaut (der sie vermutlich auch irgendwoher hat;
auch solche Metaphern sind wie Wellen, die ins Wasser
zurückkehren und dann als neue Wellen wieder auftauchen). Für Thich Nhat Hanh ist es eine Metapher
des Todes: Wir kehren nicht in den Ozean zurück, wir
waren die ganze Zeit nur eine Form, die der Ozean angenommen hat.
Diese Form ist die Gegenwart. Und das sehen wir gerade
und nur dadurch, dass die Welle in den Ozean zurückkehrt. Wer stattdessen aus dem Flugzeug auf einen
Ozean blickt, dort also, wo die Wellen sich nicht brechen, sieht nur eine geriffelte Fläche. Ein Tableau, keine
Gegenwart.
Wie kann Kunst Räume scha昀昀en, in denen wir die
Gegenwart wieder unmittelbarer erleben?
Das ist eine gute Frage, aber ich glaube, dass man da
Künstler:innen fragen sollte, nicht mich. Für mich ist
die Grabrede schon das höchste der Gefühle - und auch
diese Idee stammte ja nicht von mir, sondern von euch,
wofür ich sehr dankbar bin.
Wenn das Publikum nach deiner Rede den Saal verlässt:
Welche Frage soll es mit nach Hause nehmen?
Welche das wäre, möchte ich nicht sagen.
HÖRT JAN SÖFFNER AUCH IN EINER FOLGE
VON „GEZWITSCHER – DER PODCAST DER
MONTFORTER ZWISCHENTÖNE“, ÜBERALL
VERFÜGBAR, WO ES PODCASTS GIBT!
Jan Sö昀昀ner bei den Zwischentönen
Das Begräbnis der Gegenwart
TICKETINFORMATIONEN
AUF SEITE 35
Mo, 9. 11. um 19 Uhr
ATRIUM MONTFORTHAUS
Ein Format des Abschieds als Grundbedingung für den Neuanfang
Jan Söffner, Redner, Trauerrede
Zoe Hutmacher, Lesung
Carles Muñoz Camarero, Cello, schwedische Nyckelharpa und Gesang
Roland Adlassnigg, Installation
Die Herbst-MOZ beginnen traditionell mit einem Begräbnis. Menschen aus Philosophie,
Wissenschaft und Gesellschaft treffen auf eine temporäre Veranstaltungsarchitektur und
Musik. Jedes Jahr beauftragen die Montforter Zwischentöne renommierte Denkerinnen
und Denker mit einem Text zu einem ganz besonderen literarischen Genre: ein Nachruf
zu Lebzeiten zu vom Aussterben bedrohten Lebensgefühlen, Gemeingütern, Werten und
Freiheiten unserer Gesellschaft.
In diesem Jahr spricht Kulturtheoretiker Jan Söffner über das „Jetzt“: Wie beeinflusst
unser heutiges Handeln unser aller Zukunft?
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MOZ - MONTFORTER ZWISCHENTÖNE MAGAZIN - N.02 - HERBST 2026
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