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Wann wird Tanz für Dich wirklich echt?
Echte Momente sind für mich die, in denen
es keine Alternative gibt. Wenn man spürt:
Genau an dieser Stelle braucht es genau
diese Bewegung. Oder auch, wenn ich als
Zuschauerin merke, wie das Gefühl auf der
Bühne in mich übergeht und mich nicht
mehr loslässt.
Welche Momente entstehen denn nur
dann, wenn die Grenze zwischen Darsteller:innen und Publikum weicher wird?
Ich glaube, ohne Publikum
ist es nicht immer so lustvoll. Das Publikum lässt
einen Resonanzraum entstehen. Wahrnehmungsbereiche, wie etwa die Emotion
des Menschen auf Platz
Nummer sieben zu spüren,
bringen das Ganze zum
Schwingen.
genaues Zeitmanagement wussten wir, wo
wir gerade in der Musik sind. Da war der
Raum natürlich ganz wichtig und essentiell,
wo man welche Bewegung setzt.
Wie gehst Du mit unerwarteten, negativen
Reaktionen des Publikums um?
Zum Glück ist das noch nicht so oft passiert. Nur bei einer sehr performativen
Arbeit, bei der ich selbst mitgewirkt habe
und wo wir mit Glatzen auf dem Kopf und
Fellen um den Körper einen Kollegen mit
Koffern geschlagen haben,
sind Leute aufgestanden und
gegangen.
”Das Publikum
lässt einen
Resonanzraum
entstehen.“
Wie hat sich Dein Verständnis für Tanz über
die Jahre verändert?
Das Verständnis vom Umgang mit Musik
und Tanz hat sich im Laufe der Zeit bei mir
sehr verändert, weil das bei uns im klassischen Ballett und auch im Modernen Tanz
so war: Das Lied beginnt, der Tanz startet,
das Lied endet, der Tanz ist vorbei. Das
Erste, das ich danach gelernt habe: Es geht
auch ohne Musik, denn der Körper spielt
selbst die Musik. Auch die Begegnung mit
dem Raum, also, wo welches Stück hinpasst, in welcher Konstellation Bewegungen
funktionieren, hat sich verändert.
Gibt es da einen Raum oder ein Projekt, das
Dich nachhaltig bewegt hat?
Als Erstes fällt mir da ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem ,vorarlberg museum’
in Bregenz ein. Da haben wir die Zuschauer:innen in den Panorama-Saal im Vierten
Stock des Museums gesetzt und sie haben
von oben auf die Seepromenade hinuntergeblickt, wo sechs Tänzerinnen performt
haben. Im Raum selbst, also oben, saß auch
noch eine Pianistin, die dort die Musik,
zu der wir tanzten, gespielt hat. Das war
einfach so ein anderes Wahrnehmen von
Raum, da der Austausch über viele Meter
stattfand – wir hatten das Publikum und
die Musik ja nicht vor uns. Nur durch sehr
Was ging damals in Dir vor,
als die Zuschauer:innen den
Raum verlassen haben?
Ich habe innerlich gekichert.
Ist ja auch eine starke Reaktion der Zuschauer:innen, daher vielleicht nicht nur
schlecht, oder?
Ja, natürlich verändert es den Raum und die
Spannung wird ganz anders, wenn jemand
den Raum verlässt. Aber es kann auch nicht
jede:r immer derselben Stimmung sein und
ein Stück kann für manche auch zu viel
sein. Lieber eine Meinung als keine Meinung.
Kommen wir zu den Zwischentönen: Welche Rolle wird Tanz hier künftig spielen?
Ich glaube, da meine Kompetenz im Tanz
liegt, kann ich auch am meisten damit
neue Potentiale hinzufügen oder das, was es
schon gibt, verstärken. Zum Beispiel beim
HUGO-Wettbewerb eine Bewegungsrecherche anbieten. Zudem gibt es in Vorarlberg
unglaublich viele engagierte Laien-Tänzer:innen und Interessierte, die Tanz sehen
wollen. Da gibt es viele Möglichkeiten, die
Menschen zu verknüpfen und zu bewegen.
Was genau ist denn eine
Bewegungsrecherche?
Dabei geht es um den Umgang von Musiker:innen mit Bewegung, denn sie verwenden oft unbewusst Bewegungen. Eine
Recherche wäre also dazu da, die Sinne
dafür zu schärfen, wie man den Körper
beim Musizieren einsetzt. Viele Musiker:innen haben das natürlich schon in einem ge-
MOZ - MONTFORTER ZWISCHENTÖNE MAGAZIN - N.01 - SOMMER 2026
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