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„Alles fließt“, das hat schon Heraklit über die Gegenwart – das Jetzt – gesagt. Vielleicht meinte der große
Philosoph damit den „Flow des Lebens“ und dass man
den Moment nicht festhalten kann, vielleicht hat er
aber auch einfach bloß mit einem Kleinkind zusammengelebt und am Frühstückstisch zugeschaut, wie
der Joghurt vom Löffel seines Kindes langsam auf den
Boden floss. Mir, als Mutter eines anderthalbjährigen
Sohnes, der derzeit tagtäglich nach Heraklits Motto lebt,
erscheint letztere Variante sehr viel einleuchtender.
Wasser, Milch, Rotz und Tränen – wir sind hier ständig
„im Flow“, das steht außer Frage. Mein Sohn ist das
Jetzt auf zwei noch sehr kurzen, aber dafür schon ziemlich flinken und zielstrebigen Beinen.
Das Wort „Jetzt“ mag ihm zwar in seiner Sprache noch
fehlen, aber sein Körper spricht bereits Bände. Morgens
zum Beispiel. Ein gezielter Ruck, ein energisches Ziehen
und der entschlossenste Blick aller Zeiten sagen mir,
was Heraklit meinte. Alles fließt, sogar mein noch halbschlafendes Ich aus dem Bett heraus in den Tag. Wenn
es nach meinem Sohn geht, dann gibt es genau drei
Regeln, die ich zum Thema „Jetzt“ zu befolgen habe.
Regeln, die er noch nicht aussprechen kann – aber mit
einer Entschlossenheit durchsetzt, die irgendwo zwischen Naturgesetz und persönlicher Mission liegt.
Erstens: Jetzt heißt jetzt.
Nicht gleich. Nicht später. Nicht „lass mich noch kurz
meinen Tee trinken“. Jetzt ist ein präziser Zeitpunkt,
der exakt mit dem Moment zusammenfällt, in dem
er beschließt, dass etwas passieren muss. Und falls ich
diesen Zeitpunkt verpasse, werde ich körperlich daran
erinnert. Sehr körperlich. Hände greifen, Füße schieben,
ein ganzer kleiner Mensch setzt sich in Bewegung, um
sicherzustellen, dass ich das Konzept „Jetzt“ endlich
korrekt verstehe.
Zweitens: Jetzt gilt auch für Dinge, die jetzt auf gar
keinen Fall passieren sollen.
Zum Beispiel Wickeln. Oder Jacke anziehen. Oder
Zähneputzen. Sein „Jetzt nicht!“ hat dabei ungefähr die
gleiche Intensität wie sein „Jetzt sofort!“ – nur in die
entgegengesetzte Richtung. Es ist faszinierend: Derselbe
Mensch, der mich eben noch mit aller Kraft aus dem
Bett gezogen hat, kann sich Sekunden später mit identischer Willensstärke in ein nahezu unbewegliches Objekt
verwandeln. Ein philosophisches Paradoxon auf zwei
Beinen – oder eben gerade nicht auf Beinen.
Und drittens: Sein Jetzt hat Zeit. Sehr viel Zeit.
Denn während ich versuche, von A nach B zu kommen,
lebt er bereits in einer Welt, in der eine Pfütze ein tagesfüllendes Ereignis ist. Man muss sie betrachten. Von
oben. Von der Seite. Man muss hineinsteigen. Wieder
hinaussteigen. Noch einmal hinein. Grashalme werden
aufmerksam studiert, als stünden sie kurz davor, etwas
sehr Entscheidendes zu tun. Blumen, Blätter, Steine –
alles wird mit Augen, Händen und, zur Sicherheit, auch
mit dem Mund erkundet. Und während ich innerlich
auf die Uhr schaue, steht er einfach da und ist. Im Jetzt.
Vollständig. Unbeeindruckt von Terminen, Plänen oder
trockenen Schuhen. Am Ende bleibt mir nur die Erkenntnis: Ich habe vielleicht eine Uhr. Aber mein Sohn
hat das bessere Zeitkonzept. Wir leben ständig zwischen
„gleich“ und „später“, scrollen uns durch alles Mögliche
– und verpassen dabei das, was gerade passiert. Kinder
machen das anders. Sie sind einfach da. Eine Pfütze ist
ein Ereignis, ein Grashalm ein Wunder, ein Moment der
ganze Tag. Und vielleicht ist das ihre größte Stärke: Sie
holen uns zurück. Ohne Diskussion. Notfalls mit Nachdruck. Ins Jetzt.
MOZ - MONTFORTER ZWISCHENTÖNE MAGAZIN - N.01 - SOMMER 2026
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